: Er isst

The Jane, Antwerpen (*)

Das Restaurant wurde von keinem geringeren als Sergio Herman erdacht, der noch im Jahr davor als einer der 50 besten Köche der Welt galt und es mit dem „Oud Sluis“ geschafft hatte in den zwei großen Restaurantführern, drei Michelin-Sterne bzw. 20 Gault-Millau-Punkte zu erlangen. Die jeweils höchste Wertung gleichzeitig zu erhalten, war davor noch keinem Koch gelungen.

Auf diesem höchsten Niveau, schloss Herman 2013 das „Oud Sluis“ um 2014 das „The Jane„, unter dementsprechend großer, medialer Aufmerksamkeit, zu eröffnen. Es liegt ruhig gelegen im jüdischen Viertel von Antwerpen. Schon der Außenanblick des Restaurants ist beeindruckend. Das „The Jane“ ist in einer komplett umgebauten Kirche untergebracht und wirkt recht respekteinflößend.

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Innen setzt sich der fantastische Eindruck des Restaurants fort. Sergio Herman ist es gelungen, ein hochwertiges und feines Ambiente zu schaffen, das sich aber gleichzeitig locker und unbeschwert anfühlt. Um es in einer Musik-Metapher auszudrücken verbindet er anspruchsvollen Jazz mit kraftvollem Rock. Und das im positivsten Sinne.

Diese Kirche die einen großen Totenkopf über der Küche hängen hat, die dort eingebaut wurde, wo früher mal ein Altar zu sehen war. Dieser gigantische Kronleuchter der mittig im Raum hängt. Die nicht renovierte Decke. Detailverliebte Fenster, die nicht näher zu definierende Motive zeigen, aber für eine wohlige Lichtatmosphäre sorgen.

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Ich fühle mich wohl. Alles ist derart perfekt, dass ich sofort auch mein Zuhause umbauen möchte. Aber in allererster Linie sind wir ja zum Essen da. Das „The Jane“ ist hier sehr puristisch. Es gibt ein Menü mit keinen weiteren Wahlmöglichkeiten. Man begibt sich also ganz in die Hände der Küche, wobei man anfangs eine Karte erhält und erfährt, was auf einen zukommt. Unverträglichkeiten oder ungeliebte Zutaten werden natürlich abgefragt, genauso wie die Anzahl der Gänge. Wählt man noch die Wein- oder alkoholfreie Begleitung, kann man sich so ganz dem Abendessen widmen und völlig entspannen.

Da ich hier unsere Verlobung feiern sollte, war diese Art von völliger Wahlfreiheit genau das Richtige für mich. Gleichzeitig führte das dazu, dass ich mir nur wenige Notizen zu den einzelnen Gängen machte und die Beschreibungen zu den einzelnen Speisen etwas karger ausfällt. Kirche, Verlobung, da findet sich aber auch zusammen, was zusammen gehört.

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Den Anfang macht eine Crème aus Topinambur und Süßkartoffel mit Dinkelbrotchips. Leicht, verführend und würzig abgeschmeckt, machte es Lust auf mehr, war aber noch recht zurückhaltend, was die Küche an sich anging.

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Das sollte sich nun ändern. Zwei unabhängige Speisen fanden den Weg zum Tisch. Eine Ramen-Nudelsuppe mit ausgebackenem Buchenpilz und Wachtelei, sowie ein Chiasamen-Chip mit Cashew-Kernen, Auberginencrème und einem leichten Gemüse. Nun wurde die Handschrift Sergio Hermans doch deutlich sichtbar. Diese sehr modernisierte, leichte, asiatische Küche. Unkompliziert, aber extrem wohlschmeckend.

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Ob die Speisen nun schon zum Menü gehören oder noch als Amuse Geules gemeint sind. Es ist egal. So oder so sind sie perfekt zubereitet und pointiert abgeschmeckt. Das Prädikat „einfach lecker“ kann überall angehaftet werden und so kam dann auch dieser Gang mit Kartoffelstampf, Bärlauch und belgischem Käse.

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Was auffällig ist, sind klare Geschmackserlebnisse. Die Zutaten sind als solche erkennbar und geschmacklich relativ naturbelassen. Das soll bei Austern mit einem „Chinese Mule“, angelehnt an einen „Moscow Mule“ mit Ingwer, Limette, Gurke und Kumquat nicht anders sein.

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Aal aus Oosterschelde, Petersilie, Wasserkresse und Fregola folgten. Unnötig zu erwähnen, wie wunderbar harmonisch die Zutaten zusammengeführt werden. Sehr schlüssig und gut, sind die immer vorhandenen Saucen, die dabei helfen, die einzelnen Komponenten zu kombinieren.

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Eher klassisch dann die sehr gute Jakobsmuschel mit Dashi-Butter und Kohlrabi, aber nicht minder gut. Trotzdem ist die zarte Muschel mit der zitrus-betonten Butter und dem frischen, knackigen Kohlrabi am Ende dann doch relativ langweilig. Insbesondere im Vergleich zu den vorangegangenen Gängen.

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Nordseekrabben, indonesischer Salat und balinesische Gewürze schlossen den Vorspeisen-Reigen ab. Herman, der eine indonesische Mutter hat, mit einem kleinen Verweis an seine Wurzeln. Wunderbare Sommerküche mit einer leichten Sauce auf Erdnussbasis und den kräftigen, indonesischen Gewürzen. Super!

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Es folgt der Fischgang mit einem Petermännchen, einer wohl eher in den Niederlande bekannten Fischart, Fideuà-Nudeln und einer Ajoblanco-Sauce, einer andalusische Variation der Gazpacho, mit Mandeln, Knoblauch, Olivenöl. Ebenfalls sehr lecker, aber geschmacklich deutlich milder, vielleicht schon fast etwas zu vorsichtig, gerade im Hinblick auf das Gesamterlebnis des Menüs.

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Das ist aber mit diesem Gang schon wieder vergessen. Die „Souvenirs aus den Malediven“ kommen separat. Eine Hommage an den letzten Urlaubs eines The Jane-Mitarbeiters der verschiedene Rezepte mit nach Belgien genommen hat. Gemüsecurry, rote Linsen, Joghurt und ein Kräuteröl. Einfachste Zutaten, komplexer Geschmack, unbeschwerter Genuss. Wirklich, wirklich gut und es müssen eben nicht immer teuerste Rohstoffe verwendet werden um Essen auf höchstem Niveau zuzubereiten.

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Der Hauptgang wurde serviert. Eine französische Taube und „Frühling in Antwerpen“, also mit verschiedenen grünen Gemüsesorten in verschiedensten Zubereitungsarten. Die Taube perfekt im Garpunkt, die Keule etwas martialisch angerichtet mit den Krallen, aber einfach so passend in diese Küche und das Ambiente.

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Dann folgte schon der süße Abschluss. Matcha-Eis, Mikan, einer japanischen Mandarinen-Art in verschiedenen Formen und Konsistenzen und Manuka-Honig aus Neuseeland. Ein wundervolles Finale dieses sehr schönen Abends.

Das Fazit über Ambiente und das Essen ist schnell gezogen. Viel besser geht es nicht. Sicherlich ist die Komplexität der Gerichte eher einfacher gehalten und der anspruchsvolle Gaumen an der einen oder anderen Stelle auf „mehr“ eingestellt. Aber darum geht es hier auch nicht. Es geht um unbeschwerten, aber vollkommenen Genuss. Genuss den man sich ohne Probleme häufiger gönnen kann, ohne dass es einen kulinarisch überfordert. Und um eine Küche, die spannend und abwechslungsreich ist und sich etwas traut. Das Ambiente hilft dabei, solch genussvollen Abende verbringen zu können, darf aber die Küchenleistung in keiner Weise schmälern.

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